Mittwoch, 19. Februar 2014

Portfolio "Religion in der Literatur" - 1 Religion im Laufe der Zeit



1 Die Religion im Laufe der Zeit

1.1 Die frühe Zeit

8. bis 10. Jahrhundert
Die Zeit der Völkerwanderung ist vorbei und die Kulturen der Germanen vermischen sich mit denen der römischen und somit auch mit dem Christentum, was ihre bisherige Lebensweise von Grund auf verändert. Religiöse Schriften und Bücher im Allgemeinen werden von Mönchen in ihren Klöstern niedergeschrieben. Junge Mönche erlernen die lateinische Sprache anhand der Bibel und theologischer Schriften, sie sind somit die einzige Schicht der Gesellschaft die des Lesens und Schreibens mächtig ist. Die Klöster entwickeln sich zu Zentren des geistigen Lebens und das Leben eines Mönches ist somit geprägt vom Lernen und Lehren.

1.1.1 Werke und Autoren

Der Großteil aller überlieferten Werke ist in der lateinischen Sprache verfasst. Überlieferte christliche Dichtungen aus dieser Zeitspanne ist zum Beispiel das umfangreiche Epos „Heliand“ von einem unbekannten Sachsen, welcher über ein weitreichendes Wissen verfügt hat. Dieses Epos ist im Auftrag von König Ludwig entstanden und behandelt die Inhalte der Bibel, um sie den Menschen in ihrer Sprache vorlesen zu können. Der Dichter schafft es, die vier Evangelien in eine Erzählung einzuarbeiten, was man Evangelienharmonie nennt. Da die Religion einen großen Einfluss auf den Wohlstand der Gesellschaft ausübt, hat der Autor auch germanische Vorstellungen und Überzeugungen – betreffend ihrer Auffassung des Schicksals – eingearbeitet und so an die Denkweise der Menschen angepasst, um ihnen das Verständnis zu erleichtern. Dieses Werk soll die frohe Botschaft von Gottes Liebe und seiner Ansicht von Recht und Unrecht wiedergeben, nach dem die Menschen ihr Leben führen sollen.
Als ein weiteres Beispiel dieser frühzeitigen christlichen Literatur lässt sich „Muspilli“, geschrieben von einem unbekannten Autor, nennen. Bei Muspilli handelt es sich um ein Schriftstück aus dem 9. Jahrhundert, bei welchem Anfang und Ende fehlt. Der Titel bedeutet so viel wie „Weltuntergang durch Feuer“ und gliedert sich in zwei Teile. Im ersten streiten sich Teufel und Engel um die Seele eines eben verstorbenen Menschen, was Ähnlichkeit mit dem viel jüngeren Werk „Faust“ von Goethe aufweist. Im zweiten Teil schildert der Autor eindrucksvoll den Weltuntergang, als sich der Antichrist, welcher auf der Seite Satans steht, und Elias, welcher sich für Gott einsetzt, bekämpfen. Als das Blut Elias‘ auf die Erde tropft beginnt der Weltuntergang, der von einer Zusammenfassung über Recht und Unrecht gefolgt wird. Schließlich tritt das Heer des Himmels auf, das Lebende und Toten vor das himmlische Gericht stellt, der Ort, an dem niemand etwas verbergen kann. So werden jene, die in ihrem Leben gesündigt haben, bestraft.

1.2 Das Hochmittelalter

12. bis 13. Jahrhundert
Im Hochmittelalter gibt es drei Stände: die Bauern, die Ritterschaft und die Geistlichkeit, auch Klerus genannt. Im Laufe der Geschichte betrachtet die Gesellschaft die Geistlichen immer mit Ansehen. Sie sind immer in den obersten Reihen der Stände vertreten und üben so einen großen Einfluss auf das einfache Fußvolk aus. Die Geistlichkeit teilt man in dieser Zeitepoche ein in Mönche und Weltgeistliche, außerdem unterscheidet man zwischen niederen und höheren sogenannten „Weihen“. Wie bereits weiter oben beschrieben, gelten die Mönche in der frühen Zeit als Kulturträger. Nun lösen sie allerdings die Ritter in dieser Rolle ab. Die Ritter wissen über das Leid und die Bestrafung Bescheid, welche ihnen droht, wenn sie sich nicht ehren- und tugendhaft verhalten. Das ständige memento mori ist ein Wegbegleiter aller, und damit auch die Religion.
Durch den damaligen niederen Wissensstand – im Gegensatz zu heute – sind die einfachen Menschen leichtgläubig und erzittern vor Angst, wenn sie hören was ihnen alles im Leben nach dem Tod zustoßen könnte, wenn sie ihr Leben nicht nach den festgeschriebenen Regeln der Bibel, also von Gott selbst, gestalten.
Die Mönche sind immer noch gleichzeitig Gelehrte, und somit auch Dichter und Schreiber. Im Hochmittelalter entwickelt sich erstmals eine einheitliche Dichtersprache, in der keine Dialektwörter und derbe Ausdrücke aufscheinen. Die Großteil der literarischen Werke sind religiöser Natur und immer noch in lateinischer Sprache verfasst. Doch langsam entwickelt sich eine eigene Gruppe von Dichtern und daraus höfische Dichter.

1.2.1 Werke und Autoren

Wolfram von Eschenbach behandelt in „Parzival“ die Legende der Grals, welche auch in der heutigen Zeit viel Stoff für Verschwörungstheorien und Gerüchte bietet. Heutzutage spricht man, wenn man vom Gral spricht, von dem Kelch Jesus‘, in welchem er bei seinem letzten Abendmahl das Wasser in Wein gewandelt hat und ihn mit seinen Jüngern geteilt hat. In Parzival handelt es sich bei dem Gral um einen nicht irdischen Stein, dem eine göttliche Kraft innewohnt. Er spendet den Gralshütern Speis und Trank und verspricht ewiges Leben.
Parzival wird im Wald aufgezogen, flieht jedoch und möchte Ritter werden. Er wird dazu erzogen, nicht so viel zu reden, und dies nimmt er allzu wörtlich. Es geschieht, dass er die Gralsburg findet, es aber niemandem erzählt. Daraufhin handelt er sich die Ungunst der Gralsbotin ein, auf die er mit Hass auf Gott reagiert. Solange er sich dieser Feindschaft Gott gegenüber nicht entledigt, ist er dazu verdammt, ewig umherzuirren und den Gral nie wieder zu finden. Doch an einem Karfreitag bahnt sich seine innere Wandlung an: Er lässt sein Pferd ohne Befehle laufen und landet bei einem Einsiedler. Dort verweilt er vierzehn Tage und verlässt ihn als Gralskönig. Durch seine Lektion ist er über das Amt des Arthusritters hinausgewachsen. Aus Parzival erfährt man, dass der Grund für das Tun eines Ritters nicht im Hochmut liegt, sondern in der Bereitschaft Gott zu dienen und sich ihm voll und ganz zu unterwerfen. Das Ideal des christlichen Ritters ist somit Gott zu dienen und der Welt zu gefallen.

1.3 Renaissance, Humanismus, Reformation

15. bis 17. Jahrhundert
Die Renaissance ist eine geistige Bewegung, welche die Wiedergeburt der Antike zum Ziel hat. Man will sich mehr dem Diesseits zuwenden – und das mit voller Lebenslust und Freiheit, sowohl im Glauben als auch in politischer Hinsicht.
Humanismus bezeichnet eine Bestrebung der Wissenschaftler, die Menschen durch Bildung zu veredeln, was die Menschen der Antike ihrer Meinung nach bereits geschafft haben. Aus dieser Strömung entwickeln sich Einzelwissenschaften, in denen sich viele Menschen spezialisieren und so zu mehr Wissen gelangen können. Diese fokussierten Forschungen hinsichtlich der Wissenschaft, stehen in großem Gegensatz zu den theologischen Überzeugungen dieser Zeit. So kommt es zu Auseinandersetzungen und Streitigkeiten zwischen Kirche und Wissenschaft. Ein berühmtes Beispiel dafür sind Kopernikus und Galileo Galilei, die das kirchliche geozentrische Weltbild durch ihr Modell – dem heliozentrischen – wiederlegen. Die Kirche ist der Auffassung, dass die Erde und somit auch Rom, der Mittelpunkt der Erde sei und nicht wie Galileo mutmaßte, die Sonne. Im Kapitel „Religion und Wissenschaft“ gehen wir noch näher auf diese Thematik ein.
Die Reformation bedeutet eine religiöse Bewegung zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Begründer der daraus resultierenden Kirchenspaltung ist Martin Luther, der seine 95 Thesen an die Tore der Schlosskirche in Wittenberg nagelt. Es folgen Streitigkeiten zwischen den Anhängern von Luther und den Anhänger des römischen Papsttums. Luther übersetzt das Neue Testament vom Griechischen und das Alte Testament aus dem Hebräischen ins damalige Deutsche. Durch seine Übersetzung kritisiert er die Paptisten maßgeblich, denn nach seiner Übersetzung wird klar, dass der Mensch selbst zu Glaubenswahrheiten finden kann und somit nicht auf die Kirche angewiesen ist. Außerdem stellt er fest, dass kein Ablassbrief der Welt nötig ist, um die eigene Erlösung zu erlangen. Jeder ist selbst für sein Schicksal verantwortlich. Die Gnade Gottes und die Erlösung Christi können die Menschen von ihren Sünden befreien und so vor dem allseits gefürchteten Fegefeuer gerettet werden. Die Kirche hat bis zu diesem Zeitpunkt die vehemente Auffassung vertreten, dass der Mensch sich nur vor einem qualvollen Leben nach dem Tod retten kann, wenn er sich und seine Verwandten mit einem Ablassbrief freikauft.
Auch heute noch weckt diese gravierende Fehlinformation der Kirche gegenüber ihrer naiven und gläubigen Anhänger Misstrauen in die Kirche und deren Oberhäupter. Der Ablasshandel gilt als Verrat an den Grundsätzen der Kirche und an Gott selbst. Die damaligen Oberhäupter haben die Unwissenheit der verzweifelten Menschen ausgenutzt, um neue Paläste zu bauen, unter anderem den Petersdom, und sie außerdem im Glauben gelassen, nur den Zahlenden erwartet das Paradies nach dem Tod.
Die literarischen Werke driften immer mehr auseinander. Durch die Erfindung des Buchdruckes können Werke außerdem schneller weiterverbreitet werden und so erfahren auch immer mehr Bürger Bildung. Für das breite Fußvolk entstehen so etwa volkstümlich-unterhaltende Werke epischer und dramatischer Art, Komödien, Satiren, Predigten oder religiöse Streitschriften. Man entfernt sich dabei zwar stetig etwas mehr von religiösen Inhalten, doch sie spielen immer noch eine große Rolle im Leben jedes Einzelnen. Für Gelehrte ist das Standardwerk lateinisch geschriebener Herkunft.
Martin Luther schafft es nebenbei mit Kirchenliedern, die Gemeinschaft der Gläubigen zu vereinen und ihnen durch den gemeinsamen Gesang Hoffnung zu geben.

1.4 Das Barock

17. Jahrhundert
Protestanten und Katholiken kämpfen im 30-Jährigen Krieg gegeneinander und ziehen eine Spur der Verwüstung durch die Länder. Viele Gebiete sind nicht mehr bewohnbar und viele Menschen fallen Kämpfe, Seuchen und dem allwährenden Hunger zum Opfer. Die Pest verbreitet sich aufgrund des Krieges schneller als sie es ohne getan hätte und verursacht noch mehr Leid bei den vom Schicksal gerüttelten Menschen.
Die Fürsten auf den Fürstenhöfen lassen sich unterdes von ihren Untertanen als göttlich feiern und verehren. Die Ambivalenz zwischen den einfachen Bürgern, die in Not und Elend leben und dem Adel steigert sich noch, als riesige und prunkvolle Schlösser mitsamt großen Gartenanlagen gebaut werden und der Adel Tag und Nacht ausgelassene Feste feiert. Die Gesellschaft teilt sich nun ein in Herrschende, Vornehme und Untertanen. Diese Ständeordnung wird als gottgegeben hingenommen.
Gottes Rolle ist in dieser Zeit klar festgelegt: er entsendet die Fürsten in seinem Auftrag und diese haben nur vor ihm Rechenschaft abzulegen. Die Konfession des Landesherrn ist außerdem Pflicht für alle seine Untertanen und wer sich nicht fügt, wird verbannt oder verbrannt. Zudem werden Hexenverbrennungen im Namen der Kirche angeordnet, auf die wir später noch genauer eingehen werden. Neben den Hexenverbrennungen stehen auch Judenverbrennungen auf dem Tagesplan. Sie werden jedoch meist nicht aus religiösen, sondern aus finanziellen Gründen gejagt und nicht selten auch verjagt.
Aufgrund der wichtigen Stellung Gottes wundert es nicht, dass auch die Literatur und die Kunst des Barocks oftmals von christlichen Motiven geleitet werden.

1.4.1 Werke und Autoren

Wichtige literarische Werke sind zum Beispiel „Der abenteuerliche Simplicissimus“ von Grimmelshausen, „Buch der deutschen Poeterey“ von Martin Opitz und „Ibrahim“ von Daniel Casper von Lohenstein. In allen literarischen Werken erhält Gott eine Rolle und alle Werke sollen der Erziehung des Menschen dienen.

1.5 Die Aufklärung

18. Jahrhundert
Die Aufklärung ist von den zwei Strömungen Rationalismus und Empirismus geprägt. Sie besagen, dass alles durch den Verstand erklärbar sein muss, damit es wahrhaftig wahr ist. Diese Strömungen haben auch bei der Kirche Veränderungen hervorgerufen. Die Lehrsätze der beiden Kirchen sind im 16. Jahrhundert erstarrt. Der Pietismus ist eine neue Bewegung, die die Kirche und deren Lehrsätze reformieren möchte und eine Erneuerung des frommen Lebens herbeisehnt. Die Aufklärung bietet den Grundstein der Religionskritik und der Hinterfragung der festgelegten Lehrsätze und Lehren der Kirche. Vor allem die katholische Kirche erlebt während der Zeit der Aufklärung viel Kritik, da sie ihre Macht missbraucht.
Viele Menschen erkennen, dass die Lehrsätze des 16. Jahrhunderts bei Gebrauch der Vernunft und des Verstandes anzweifelbar sind. Die Menschen wollen jedoch trotz aller Kritik und allen Zweifeln an den kirchlichen Dogmen an einer Religion festhalten können, die jedoch auch nachvollziehbar und vernünftig ist und deshalb nicht vollständig auf reinem Glauben beruht. So entstehen die „Vernunftreligionen“. Der „Deismus“ zum Beispiel besagt, dass Gott zwar die Welt erschaffen habe danach jedoch nicht mehr in ihre Geschichte eingegriffen hat.
Die religiöse Literatur übernimmt die Rolle eines Lehrers, der den Menschen Moral beibringen sollte, aufgrund derer dann alle die richtigen Handlungen ausführen können, die im Auge der Kirche als „richtig“ gelten.

1.5.1 Werke und Autoren

So behandelt Gotthold Ephraim Lessing in seinem Werk „Nathan der Weise“ zum Beispiel die Frage nach der „wahren“ Religion. Ein weiteres Werk Lessings aus dieser Zeit ist „Emilia Galotti“. Doch auch zu dem Thema „Vorurteile gegenüber anderen Religionen“ gibt es später mehr.
Das meistzitierte Werk der deutschen Literatur erscheint erstmals Ende des 18. Jahrhunderts und behandelt das Motiv einer Wette zwischen Gott und dem Teufel – Goethes Faust. Die Moral dieses Werkes lässt sich immer wieder finden: Das Böse gewinnt keine Überhand über das Gute, denn:
„Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich stets des rechten Weges bewusst.“[1]
Faust wird im Folgenden noch im Kapitel „Religion und Wissenschaft“ ausführlich behandelt.

1.6 Die Romantik

18. und 19. Jahrhundert
In der Romantik spielt die Poesie eine zentrale Rolle. In der poetischen Literatur findet der Autor in jedem noch so kleinen Teil der Natur etwas Schönes und Anmutiges, das es zu beschreiben lohnt. Die ursprüngliche Wildheit und Schönheit der Natur sei durch die „modernen“ Epochen und Denker zerstört bzw. in den Hintergrund gerückt. Durch die Aufklärung und der beiden Strömungen Rationalismus und Empirismus sei der Mensch dazu erzogen worden, in jedem Ding die Nützlichkeit und Verwertbarkeit zu erforschen, was für die Romantiker verwerflich ist, denn in jeder Sache steckt göttliches und nur das Bestehen von so vielen Dingen ist Grundlage für das Sein.
Die Romantik legt ihr Augenmerk auf Wunderlichkeiten, Unbekanntes, Mythen und die Fantasie. Dadurch lehnt sie die Naturwissenschaften ab, da sie keine Geheimnisse mehr lassen. Umso mehr sehen sie den Glauben als Idealvorstellung um die Poesie zu leben, da jeder Glaube von Unwissenheit geprägt ist und sich somit fantastische Erklärungen sucht für alles Existierende. Folglich sehen die Romantiker das Mittelalter als die perfekte Zeit an, da damals alle Menschen im Glauben vereint gewesen sind.
Für die Dichter der Zeit ist Gott in der Natur zu finden, viele von ihnen machen sich alleine auf Wanderschaft, um näher zu Gott und dadurch auch näher zu sich selbst zu finden. Alle romantischen Gedichte sind geprägt von einer unstillbaren Sehnsucht nach verschiedenen Dingen oder Menschen.
Viele Romantiker hegen eine Vorliebe für Volksmärchen, da in ihnen alles passieren kann und somit der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. Die Religion spielt in diesen Werken jedoch nur eine unbedeutende Rolle, da die Geschehnisse meist von Magie durchzogen gewesen sind.

1.6.1 Werke und Autoren

Wichtige Autoren dieser Zeit, die sich in ihren Werken von der Religion und Gott inspirieren haben lassen, sind Clemens Brentano und Joseph von Eichendorff.
Weihelied zum Ziel und Ende
(Clemens Brentano)
Herr, Gott, dich will ich preisen,
Solang mein Odem weht,
O hör auf meine Weisen,
O sieh auf mein Gebet.
Bin ich im Himmel oben,
Da lern ich andern Sang,
Da will ich hoch dich loben
Mein ewig Leben lang.
Jetzt laß dir wohlgefallen
Mein treu einfältig Lied
Muß doch ein Kindlein lallen,
Wenn es die Mutter sieht.
Nun hab ich auch gesehen,
Wie du so väterlich,
Will nun nichts mehr verstehen
Als dich, mein Vater, dich.
Ich saß in meiner Kammer,
Sah trüb ins Leben hin,
Die Seele rang in Jammer,
Voll Sorge war mein Sinn;
Da floß ein heilig Sehnen
Mir in das öde Herz,
Da brach mein Blick in Tränen
Und schaute himmelwärts.
Da war dein Himmel offen,
Stern traf in Augenstern,
Mein Glauben, Lieben, Hoffen
Fand Gnade vor dem Herrn.
Das Lied, das ich verschwiegen,
Das Lied, das leis ich sang,
Sah ich die Engel wiegen
In Davids Harfenklang.
Und sah, den ich gerühret
Mit meinem Lerchensang,
Zum Herrn von mir geführet
Auf einem Dornengang.
Er sang mit mir zusammen
Mit selgem Flug und Fall,
In Gottes Liebesflammen,
Trotz Lerch, trotz Nachtigall![2]
In diesem Gedicht wird klar, dass Clemens Brentano die Vereinigung mit Gott als das höchste Ziel betrachtet, das ein Mensch erreichen kann. Gott gibt ihm Trost und Hoffnung, außerdem steht für Brentano außer Frage, dass es sich bei Gott um einen liebenden und barmherzigen Gott handelt. Er singt dieses Gedicht zu Ehren Gottes und die Wortwahl verdeutlich eine starke Sehnsucht nach ihm und seiner Liebe und Gnade.
Mondnacht
(Joseph Freiherr von Eichendorff)
Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis' die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.[3]
Im Gedicht Mondnacht lässt vor allem die letzte Strophe auf eine Sehnsucht nach Gott schließen, denn „nach Haus“ könnte auch sinnbildlich für die Einkehr bei Gott im Paradies bedeuten.

1.7 Das 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert ist geprägt vom Vormärz und damit auch der Biedermeierzeit. Die Literatur erlebt zwar einen Aufschwung, aber die Religion steht dabei nicht im Vordergrund. Die Hauptmotive der Autoren sind das Liebliche, Beschauliche und Behagliche. Anscheinend haben sich die Schriftsteller in einer Zeit der Industrialisierung zurückgesehnt in eine einfache und gemütliche Welt.


[1] Johann Wolfgang von Goethe – Faust, der Tragödie erster Teil
[2] Geist und Kleid, Weihelied zum Ziel und Ende – Clemens Brentano, Rütten & Loening Verlag, Potsdam
[3] Mondnacht, Joseph von Eichendorff, 1830

Donnerstag, 19. September 2013

Kulturportfolio - 5 Von damals bis heute



5 Von damals bis heute

Es war einmal ein junges Mädchen namens Sophie. Ihr Zuhause war eine heimelige Hütte nahe einem dunklen Wald. Ihre Eltern lebten mit ihr in diesem Häuschen. Ihr Vater hackte gelegentlich in dem nahegelegenen Wald Holz für einen geringen Lohn und ihre Mutter arbeitete zu Hause. Ihre wenigen Freunde lebten alle in der Stadt in der man nach ungefähr einer Stunde Fußmarsch angelangte. Sophie durfte nicht zur Schule gehen, ihre Mutter erklärte ihr, dass das nur Jungs dürften. Sie fand das schade, ihre Neugier war geradezu grenzenlos und alles was neu war, interessierte sie zutiefst. Es war gerade Sommer und zurzeit besonders heiß und schwül. Da Sophie ihrer Mutter gerne beim Kochen half, ging sie eines Tages in den Wald um Kräuter zu suchen. Die kühle Waldluft bot eine willkommene Abwechslung zur drückenden Schwüle auf den offenen Feldern. Sie sprang mit ihrem Körbchen hin und her, ständig auf der Suche nach den duftenden Kräutern und Pilzen. Sie war froh aus dem Haus gehen zu dürfen. Gerade als Sophie die Tür schloss, meinte sie gehört zu haben, wie ihr Vater und ihre Mutter anfingen zu streiten. Das kam häufig vor, aber das Mädchen schlich sich dann immer nach draußen, um das alles nicht mit anhören zu müssen. Manchmal hörte sie sogar, wie ihr Vater ihrer Mutter schlug. Ihre Mutter so zu sehen tat ihr sehr weh, doch sie wusste, dass man sich als Frau nicht gegen die Männer auflehnen durfte. Ein einziges Mal war es bis jetzt vorgekommen, dass sie ihre Mutter gegen den Vater verteidigen wollte, doch sie kassierte dadurch nur eine Tracht Prügel. Dieses Ereignis wird ihr ewig im Gedächtnis bleiben, denn noch nie sah sie so große Angst in den Augen ihrer Mutter aufflackern. Aber sie wollte nicht länger an die schlimmen Dinge denken, also konzentrierte sie sich weiter auf das Kräuter und Pilze suchen. Doch es dauerte nicht lange und ihre Gedanken schweiften wieder ab.
Morgen war Sonntag und sie freute sich schon sehr darauf, ihr schönes selbstgemachtes Kleid in die Kirche anzuziehen mit den schicken Sonntagsschuhen, die ihre Mutter ihr mit dem ersparten Geld als Weihnachtsgeschenk gekauft hatte. Aber abgesehen von den schönen Kleidern freute sie sich außerdem darauf, den Sohn des Wirtes von dem Gasthaus in der Stadt wieder zu sehen. Sie wusste, dass sie keine gemeinsame Zukunft vor sich hatten, zumal ihr Vater bereits einen „tüchtigen und ehrbaren“ Mann für sie ausgesucht hatte, den sie heiraten sollte, um ein besseres Leben führen zu können als ihre Eltern. Aber trotzdem genoss sie die Zeit, die sie mit ihm verbringen konnte, sei sie noch so rar. Auf dem Weg in die Stadt sah Sophie immer wieder denselben Bettler am Wegesrande sitzen. Da sie von ihren Eltern gut erzogen worden war und es ihr im Herzen schmerzte, an einem so armen Mann vorbeizugehen, gab sie ihm jedes Mal entweder etwas Kleines zu essen, oder ein paar Münzen, die sie von ihrem eigenen Ersparten opferte.
Wenn sie dann in der kleinen Stadt ankamen, war es immer dasselbe Szenario: wohin sie ihre Köpfe wandten, überall begegneten ihnen Blicke der Verabscheuung. Die Städter hielten sich gemeinhin für etwas Besseres, deshalb versuchte Sophie sich besonders elegant und höflich zu geben, sobald sie einen Fuß in die Stadt setzte. Nach der Kirche trafen sich die Städter in dem Gasthaus. Sie tanzten, lachten und aßen gemeinsam an einem Tisch. Meistens wurden die neuesten Gerüchte beredet. Sophie erfuhr vor einigen Wochen, dass eine Frau, welche ein ungeborenes Kind gebar, aus der Stadt verbannt wurde und nie wieder zurückkehren durfte.
Vollkommen in ihre Gedanken und Träume versunken, übersah sie eine große Wurzel, über die sie nun stolperte. Sie stoß sich den Kopf an einem Stein und wurde bewusstlos. Jemand schrie „Sophie! Sophie!“ Nach wenigen Minuten – oder waren es nur Sekunden? – wachte sie wieder auf.

Sophie lag in ihrem Bett und dachte über den merkwürdigen Traum nach. Alles fühlte sich so real an, als wäre sie gefangen in jener Zeit in jenem Körper des Mädchens. Bald war der Traum vergessen, sie blickte auf die Uhr und sah, dass sie verschlafen hatte und ihre Mutter sie aufgeweckt hatte. Kurz überlegte sie, ob sie heute von der Schule zu Hause bleiben sollte, sie hatte sowieso keine Lust darauf. Doch dann entschloss sie sich, dass sie diesem Tag schon noch irgendwie überstehen würde, es war sowieso Freitag. Sie stand vor ihrem Kleiderschrank und konnte sich wieder einmal nicht entscheiden was sie anziehen sollte. Sie hatte so viele Kleidungsstücke, die sie eigentlich nie anzog und mit all den Stücken fast 2 Kleiderschränke voll. Trotzdem entschied sie sich spontan am Nachmittag shoppen zu gehen. Sie ging die Stufen nach unten, an ihrem Vater vorbei und fragte ihn im Vorbeigehen was es heute zu Mittag gäbe. Da Sophie die Antwort nicht gefiel, schuf sie ihm kurzerhand an, etwas Anderes zu kochen, was besser schmecken würde. Ihre Mutter war die Chefin eines großen Konzerns und war deshalb sehr selten zu Hause. Ihr Vater war öfter zu Hause und kümmerte sich um sie, so gut es eben ging. Doch bei den vielen Freunden oder Affären seiner Tochter, machte er sich nicht einmal ansatzweise die Mühe, den Überblick zu wahren und auf dem Laufenden zu bleiben. Als sie das Haus verließ, joggte sie zur Bushaltestelle und fuhr damit die kurze Strecke in die Schule. Dort angekommen tratschte sie sofort mit ihrer Freundin über den heutigen Abend. Sie planten bereits seit Wochen, dass sie an diesem Freitag bis spät in die Nacht ausgehen würden, um sich ein paar Jungs anzulachen. Beide freuten sich schon sehr darauf und diskutierten darüber, was sie wohl anziehen sollten.
Auf dem Weg ins Einkaufscenter sahen die beiden Freundinnen einen Bettler auf dem Straßenrand sitzen. Sie sahen sich an, begannen laut zu prusten und machten sich sogar über ihn lustig. Als er schließlich aufstand und ging, äfften sie ihn nach, bis er außer Sichtweite war. Sie folgten weiter dem Weg in das Shopping-Center. Dabei rannten sie an dutzenden Städtern vorbei, die gehetzt ihrem Alltag nachgingen und die Menschen in ihrem Umfeld nicht allzu große Beachtung schenkten.
Am Abend tranken beide so viel, dass sie nicht mehr richtig bei Sinnen waren. Nachdem ihnen die Jungs langweilig wurden, verließen sie den Club und machten sich auf den Heimweg. Da sie auf High-Heels unterwegs waren und sie beide bereits über die Grenzen angeheitert waren, geschah es, dass eine der beiden Mädchen eine Gehsteigkante übersah und mit dem Kopf hart auf dem Asphalt aufschlug. Die Andere bückte sich schnell und versuchte ihre Freundin aufzuwecken. Sie schrie „Sophie! Sophie!“. Doch dieses Mal wachte sie nicht mehr auf.

Kulturportfolio - 4 Die Frau in der Literatur des 19. Jahrhunderts



4 Die Frau in der Literatur des 19. Jahrhunderts

Die beiden Werke „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ von Gottfried Keller und „Immensee“ von Theodor Storm erscheinen in der literarischen Epoche des Realismus. Diese Zeitspanne erstreckt sich von 1848 bis 1890 und erscheint in der Geschichte auch oft unter den Namen „bürgerlicher Realismus“ oder „poetischer Realismus“. Die Merkmale der literarischen Werke lassen sich kurz zusammenfassen: Die Handlung der Erzählungen oder Dramen geschieht nicht mehr im Rahmen eines Märchens oder erfundener Scheinwelten, sondern spielen in realen Umgebungen, mit realen Geschehnissen und Figuren. Der Erzähler selbst bleibt im Verborgenen und soll vom Publikum auch nicht erkannt werden. Die Industrialisierung und die damit zusammenhängende Arbeiterbewegung rücken in vielen Werken in den Mittelpunkt der Ereignisse. Einige Autoren nehmen sich im Laufe der Zeit auch der Rolle der Frau der damaligen Zeit an. 
Im Gegensatz zu heute sind die Frauen in der Zeit des Realismus immer noch von der Bildung ausgenommen. Ab der Geburt werden sie von ihrem Vater unterdrückt, wenn sie das heiratsfähige Alter erreichen, übernimmt der Ehemann die Vaterrolle. So erklärt zum Beispiel am Anfang des Buches „Immensee“ der 10-jährige Reinhard der 5-jährigen Elisabeth, dass wenn sie einmal verheiratet sind, nur mehr er über sie bestimmen darf. Bei der Wahl des Ehemannes spielt nicht die Liebe die größte Rolle, sondern der Ruf den der Zukünftige genießt, die Ländereien und Anwesen die er besitzt und das Vermögen, das er in die Ehe einbringen kann. Im Werk „Immensee“ wählt die Mutter Elisabeths den zukünftigen ihrer Tochter ebenfalls nach diesen Kriterien aus. Erich, Besitzer von Gut Immensee, scheint neben dem Studierten Reinhard, der seit Jahren im Ausland lebt, ehrbarer. Die Mutter Elisabeths betont bereits nach der ersten Rückkehr in das Vaterdorf von Reinhard und Elisabeth, dass er „nicht mehr so gut sei, wie er früher gewesen“[1]. Als Reinhard während seinem Aufenthalt auf Gut Immensee das Volkslied „Meine Mutter hat’s gewollt“ anstimmt, kann man an der Reaktion von Elisabeth erkennen – sie verlässt fluchtartig den Raum –, dass es nicht Elisabeth gewesen ist, die die Entscheidung gefällt hat, Erich das Jawort zu geben, sondern ihre Mutter.
Im Gegensatz zu dieser erzwungenen Ehe sucht sich Vrenchen in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ selbst ihren Ehemann aus. Sie liebt Sali seit ihrer Kindheit und flüchtet sogar mit ihm, um mit ihm für immer zusammen sein zu können. Da aber Sali für den Verlust des Verstandes von Marti verantwortlich ist, könnte die Ehe niemals mit dem Gewissen von Vrenchen vereinbart werden. So entscheiden sie sich zu der verzweifelten Tat, sich selbst umzubringen, um vor den Problemen der realen Welt zu flüchten und für immer vereint zu sein.
Der Vater von Vrenchen erscheint häufiger in der Rolle des Erziehers als die Mutter. Vrenchen zollt ihrem Vater zwar den notwendigen Respekt und liebt ihn auch von ganzem Herzen, aber ihm scheint nicht besonders viel an seiner Tochter zu liegen. Er misshandelt sie, sobald sie sich nicht seinen Anforderungen und Erwartungen entsprechend benimmt und weist sie so in ihre Schranken. So schlägt er sie zum Beispiel, als sie mit ihrem damaligen besten Freund Sali am Acker ein kleines Fest feiert:
„[…] und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige Ohrfeigen, […] denn die Rauheit der Väter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen Geschöpfen noch nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen.“[2]
Die nächste Szene, in der Marti seine Tochter misshandelt, zeigt gleichzeitig, wie sehr er die Familie Manz hasst aber auch, dass der verliebte Sali bereits einen Beschützerinstinkt für Vrenchen ausgebildet hat. Marti erwischt seine Tochter beim Herumtreiben mit dem Sohn von Manz:
„…dass der Alte nun statt seiner nun das zitternde Mädchen fasste, ihm Ohrfeigen gab, dass der rote Kranz herunterflog, und seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fortzureißen und weiter zu misshandeln. Ohne sich zu besinnen, raffte er einen Stein auf und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um Vrenchen und halb im Jähzorn.“[3]
Bereits im Alter von 8 muss sich Vrenchen der typischen Rolle der „Dame“ unterordnen:
„…und das braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, musste bereits unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre es von den andern als ein Bubenmädchen ausgelacht worden.“[4]
Obwohl das junge Mädchen es nicht leicht hat, kümmert sie sich rührend um ihren Vater bis zum bitteren Ende. Als Marti in eine „Stifung für dergleichen arme Tröpfe“ eingewiesen wird. Sie vernachlässigt sogar ihre eigene Gesundheit und richtet sich fast zu Grunde, nur um für ihren Vater da sein zu können. Vrenchen muss bereits in ihrer Jugend selbstständig werden und lernt so auch Stärke zu zeigen:
„Darum war das schöne wohlgemute junge Blut in jeder Weise gedemütigt und gehemmt und konnte am wenigsten der Hoffart anheim fallen. Überdies hatte es bei schon erwachenden Verstande das Leiden und den Tod der Mutter gesehen, und dies Andenken war ein weiterer Zügel, der seinem lustigen und feurigen Wesen angelegt war, sodass es nun höchst lieblich, unbedenklich und rührend sich ansah, wenn trotz alledem das gute Kind bei jedem Sonnenblick sich ermunterte und zum Lächeln bereit war.“[5]
In „Immensee“ lenkt der Autor die Aufmerksamkeit der Leser vor allem auf den männlichen Hauptcharakter. So erfährt man zum Beispiel nie, was Elisabeth während der Zeit erlebt, als sich Reinhard seine Heimatstadt verlässt „um seine Ausbildung fortzuführen“. Später erfährt man, dass Reinhard auf einer Universität studiert. Es scheint fast so, als ob Elisabeth diese Bildung vorenthalten bleibt. Sie geht zwar mit Reinhard zusammen in die Grundschule, aber Elisabeth scheint zu Hause Handwerkstätigkeiten auszuführen, denn sie schickt ihm als Geschenk Manschetten, Tücher und gestrickte Wäsche.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Frauen in dieser Zeitepoche alles andere als frei und unabhängig gefühlt haben. Sie werden in jedem Lebensabschnitt von Männern unterdrückt, ihre Rechte begrenzen sich auf ein Minimum und ihre Bedürfnisse ordnen sich ganz hinten ein.
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung aufgrund der Industrialisierung, erheben sich zeitgleich mehrere Frauenbewegungen, die der Unterdrückung der Frau Einhalt gebieten wollen. Die Emanzipation schreibt hier ihren Beginn. Heute kann man auf beachtliche Ergebnisse dieser Bewegungen blicken, doch es gibt natürlich immer noch viel Raum für Verbesserungen. Wenn man heute mit damals vergleicht, fühlt man sich als Frau des 21. Jahrhunderts besonders frei und man erkennt erst anhand eines solchen Vergleiches, welche Möglichkeiten jedem von uns offen stehen.



[1] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 6007 Theodor Storm Immensee und andere Novellen; S. 20, Zeile 28
[2] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 6172 Gottfried Keller – Romeo und Julia auf dem Dorfe, S. 15, 2-8
[3] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 6172 Gottfried Keller – Romeo und Julia auf dem Dorfe, S. 42/43, 38-5
[4] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 6172, Gottfried Keller – Romeo und Julia auf dem Dorfe S. 11, 24-30
[5] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 6172, Gottfried Keller – Romeo und Julia auf dem Dorfe S. 19, 10-19

Kulturportfolio - 2 Die Literatur der Biedermeierzeit



2 Die Literatur der Biedermeierzeit

2.1 „Der Verschwender“ von Ferdinand Raimund

Die Biedermeierzeit ist geprägt von den Ereignissen rund um den Wiener Kongress und die Schreckensherrschaft Napoleons. Die Menschen ziehen sich in ihre Häuser zurück und veranstalten kleine Feiern im Rahmen der Bekannten und der Familie. Überbleibsel der Romantik zeigen sich in den Motiven der Autoren: Natur, Liebe, Zweisamkeit, Idylle, der Gegensatz zwischen dem Guten und dem Bösen, die Zauberei und das Übernatürliche, Glückseligkeit und Friede. Einiger dieser Motive bedient sich auch Ferdinand Raimund in seinem Werk „Der Verschwender“.
Bereits am Beginn des Werkes konfrontiert Raimund die Leser mit den Verhältnissen, die auf dem Schloss des Herrn Julius Flottwell herrschen: Flottwell, welcher durch viel Glück das unermessliche Reichtum seines Vaters geerbt hat, lädt seine „Freunde“ ein, bei ihm zu wohnen und mit ihm ohne bestimmten Grund zu feiern. Vor allem der Bedienstete Valentin zeichnet sich durch seine unumstößliche Treue zu seinem Herrn aus. Trotz den Schikanen, welchen er  immer wieder ausgesetzt ist, zeigt er sich jedes Mal äußerst dankbar, wenn Flottwell ihm Trinkgeld gibt. So zum Beispiel bekundet er seinem Herrn in der folgenden Passage seine Ergebenheit. Es handelt sich dabei um ein Gespräch zwischen Rosa und Valentin, während er ihr erzählt, dass er bei der letzten Jagd eine Ente aus dem See „apportieren“ hat müssen.
Rosa: Und das laßt du dir so alles gfallen?
Valentin: Ja weil ich halt für meinen Herrn ins Feuer geh, so geh ich halt auch für ihn ins Wasser.[1]
Diese Aussage zeigt gleichzeitig, dass die Bediensteten sich vieles gefallen lassen müssen.

Auch die Geliebte von Valentin ist einigen Schikanen ausgesetzt. Zum Beispiel kann sie sich gegen die Annäherungsversuche von Chevalier Dumont nicht wehren.
Dumont: Ah! Schöne Ros‘! (Umfaßt sie zärtlich)
Rosa (windet sich los): Ah was generos. Was hab ich von ihrer Generosität. Ich muß in Garten hinaus.
Dumont: O, Sie dürfen nicht. Ich sein zu enchantè. Dieser Wangen! Dieser Augen! Dieser Augenblicken! O Natur, was haben du da geschaffen, ich kann mick nicht enthalten. Ich muss Sie embrasser.[2]
Bevor Chevalier Dumont jedoch die Bedienstete Rosa bedrängt, begegnet er einer alten Dame. Diese erzählt ihm, dass ihr Mann sie zu Hause ohne gegebenen Grund schlägt. Vielleicht will Ferdinand Raimund damit eine kurze Passage schaffen, in denen er den Lesern zeigt, wie es den Frauen zurzeit geht. Anscheinend genießen einige nur niedrigen Rang und haben ausschließlich die Aufgaben der Hausfrau und der Erzieherin zu erfüllen. Dies bestätigt im weiteren Verlauf auch Rosa, als Flottwell als Bettler bei ihnen im Haus Rast findet. Allerdings tritt sie nicht demütig oder untertänig auf, sondern eher im Gegenteil: selbstbewusst und diejenige, die die „Hosen anhat“.
Rosa: …Mein Mann ist ein guter Lappe, der läßt sich zu allen überreden. Der nähmet die ganze Welt in Haus, aber ich bin die Hausfrau, ich hab zu entscheiden, ich kenn unsere Verhältnisse, unsere Ausgaben und unsere Einnahmen. Ich muß für die Kunder sorgen, wenn sie nichts zu essen haben, und ich kann meine Einwilligung nicht geben…Heut in meinem Haus und nimmer![3]
Die Fee Cheristane verkörpert die Liebe. Sogar für jemanden wie Flottwell – abgehoben, süchtig danach, sich mit den Großzügigkeiten Aufmerksamkeit von anderen zu ergattern – stellt die Liebe etwas Wesentliches dar, das ihn sogar das Geld vergessen lässt. Cheristane und der von ihr erschaffene Geist Azur, symbolisieren auch die Zauberei und das Übernatürliche. In der Zeit des Krieges und der Angst flüchten sich die Menschen in eine Scheinwelt, um der grausamen Realität entrinnen zu können. Dies hat bereits in der Romantik seine Anfänge genommen.
Später geht aus der spontanen Flucht mit seiner Geliebten Amalie hervor, dass es für ihn eigentlich etwas Wichtigeres gibt, als den angehäuften Besitz: Er möchte Zeit mit den Menschen verbringen, die ihm etwas bedeuten. Ein Beispiel dazu bietet das Gespräch, das Amalie und Julius heimlich führen, als sie ihre Flucht planen:
Amalie: Gott, wie siehst du aus!
Flottwell: Wie ein Mann, der seinem Schicksal trotzt. Doch noch ist nicht mein Glück von mir gewichen, weil ich dich nur sprechen kann. Jede Minute droht. Du mußt mit mir noch diese Nacht entfliehen.[4]
Dieser Abschnitt verdeutlicht, dass Julius Flottwell sein „Glück“ nicht darin findet, reich zu sein und Geld für alles und jeden auszugeben, sondern darin, mit seiner Liebsten sprechen zu können.
Wie bereits erwähnt, erscheint der reiche Schlossherr Flottwell im letzten Aufzug als Bettler. Er hat all seine Schätze verloren – sowohl Frau und Kind, als auch sein gesamtes Vermögen. Doch auch seine damaligen „Freunde“ wollen von dem verarmten Mann ohne Besitztümer und ohne Macht nichts mehr wissen. Den tiefen Fall betrachtet Flottwell selbst als Strafe Gottes:
Flottwell: Ich habe nichts zu fordern, gar nichts mehr. Was ich mit Recht zu fordern hatte, ist mir durch einen Höhern (Blick gegen Himmel) schon geworden…[5]
Der tiefe Fall eines ehemals so reichen Mannes erinnert mich an die folgende Stelle aus „Der Traum ein Leben“ von Franz Grillparzer:
Eines nur ist Glück hinieden,
Eins: Des Innern stiller Frieden
Und die schuldbefreite Brust!
Und die Größe ist gefährlich,
Und der Ruhm ein leeres Spiel;
Was er gibt sind nicht’ge Schatten,
Was er nimmt, es ist so viel!
Dass schlussendlich der als Bettler getarnte Geist Azur dem Schlossherrn alles zurückgibt, was er ihm einst aus Mitleid anvertraut hat, stellt eine ausschlaggebende Metapher dar: Was man im Leben gibt, bekommt man eines Tages wieder zurück. So erhält Julius Flottwell von seinem treu ergebenen Diener Valentin und seiner Frau Rosa eine Unterkunft – wenn auch widerwillig – und von dem Geist Azur einen kleinen Teil seines ehemaligen Reichtums. Aber in dem eigenartigen Verhältnis zwischen dem Bettler und dem reichen Schlossherrn sehe ich persönlich noch eine weitere Botschaft:
Der kleine Mann kann ohne den großen nicht leben, genauso wie der große/reiche nicht ohne den kleinen leben kann.

2.2. Zusammenfassung Vormärz Literaturbuch

2.2.1 Raimund und Nestroy

Ferdinand Raimund und Johann Nestroy spielen beide als Komiker im Wiener Volkstheater. Doch als ihnen die Rollen in Wiener Lokalstücken und Zauberspielen nicht mehr genügen, beschließen sie ihre eigenen Stücke zu schreiben. Beide müssen sich der strengen Zensur unterordnen. Dies bringt die Autoren dazu, sich selbst schlaue Stilmittel einfallen zu lassen, um diese Zensur geschickt zu umgehen. So stehen zum Beispiel in Werken von Raimund statt dem festen Text eines Liedes nur „Ein Lied.“. Der Schauspieler, welche die Rolle des Protagonisten mimt, muss somit improvisieren und kann jedwede Wörter und Reime in diesem Lied verwenden. Er macht auch Gebrauch von der sogenannten „Allegorie“. Dies bedeutet, dass er menschliche Eigenschaften, sittliche Begriffe oder kosmische Ordnungsmächte personifiziert. So kann es durchaus geschehen, dass ein Mensch plötzlich auf das Alter, die Jugend oder jemanden wie den Tod trifft. Er verwendet dieses Stilmittel, um den Menschen Ideale oder das Wirken der höheren Mächte zu vermitteln.
Im Gegensatz zu Raimund versucht Nestroy den Menschen nicht zu zeigen, wie sie zu sein haben, sondern wo ihre größten Fehler liegen. Das ist auch der Grund wieso seine Werke eher gesellschaftskritisch orientiert sind.

2.2.2 Adalbert Stifter

Adalbert Stifter hingegen benutzt die Sprache als einen Ersatz für den Pinsel. Er beschreibt Szenarien, Landschaften und Bühnenbilder derart genau, dass man sich ein detailgetreues Bild im Kopf herbeizaubern kann. Anfangs zeigt sich vor allem das gebildete Volk sehr begeistert von den Werken Stifters. Doch es gibt genauso viele Gegner seiner Dichtung. Eine Kritik trifft ihn besonders hart: Friedrich Hebbel, wessen Kritik größeres Gewicht hat und weitere Verbreitung findet.


[1] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 49, 1. Aufzug, 6. Auftritt, S. 17
[2] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 49, 2. Aufzug, 6. und 7. Auftritt, S. 41
[3] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 49, 3. Aufzug, 8. Auftritt, S. 79
[4] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 49, 2. Aufzug, 14. Auftritt, S. 55
[5] RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK Nr. 49, 3. Aufzug, 3. Auftritt, S. 68